Wie kann die internationale Gemeinschaft Nordkorea in Zeiten von Corona helfen?

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Während das nordkoreanische Regime lange Zeit den Ausbruch von COVID-19 im Land leugnete, wurde Ende Juni 2021 ein Statement von Kim Jong-un in im Ausland zugänglichen Medien publiziert, das auf Probleme beim Umgang mit der Corona-Pandemie hinwies. Diese Aussage kann als einen indirekten Hilferuf an die internationale Gemeinschaft gesehen werden. Daher stellt sich die Frage, wie einzelne Regierungen die Bevölkerung in diesem isolierten Land während der Pandemie bestmöglich unterstützen kann.

Lange Zeit sah es nicht so aus, als würde das nordkoreanische Regime die Coronakrise im eigenen Land eingestehen. Aber schon Anfang dieses Jahres zeichnete sich ab, dass Kim Jong-un die Lage im Land nicht mehr im Griff hat, was die vielen ungeregelten Lockdowns und die enormen Engpässe in Lieferketten erklären könnte. Ein wenig überraschend, wenn auch nur folgerichtig, hat Kim am Rande eines der zahlreichen regulären Veranstaltungen der Partei der Arbeit Koreas Ende Juni 2021 erwähnt, dass die Missachtungen der strengen Coronaauflagen und der lasche Umgang einiger Parteikader mit Anti-Corona-Maßnahmen in einigen Regionen zu (nicht-weiter definierten) „schweren Vorfällen“ geführt haben könnten und dass man einen langen „Anticorona-Kampf“ vor sich habe. Damit hat er zwar nicht offen gesagt, ob und wie viele Coronafälle es im Land gibt, aber für nordkoreanische Verhältnisse sind diese Formulierungen mehr als ein klares Bekenntnis. Denn eigentlich lobt die Staatspropaganda stets, was gut läuft oder fordert in pathetischen Ansprachen die Menschen dazu auf, sich stärker für das Vaterland aufzuopfern. Wenn man also einen langen „Anticorona-Kampf“ vor sich habe, steckt für das nordkoreanische Verständnis im Satz schon drin, dass die Lage sehr ernst ist. Nach Informationen, welche nordkoreanische Staatsbürger*innen in der über 1.000 kilometerlangen Grenze zu China heimlich ins Ausland schicken, kämpft das Land schon seit Anfang Februar 2020 mit dem Coronavirus, im Zuge dessen etliche Lockdowns, Bewegungsbeschränkungen und weitere Maßnahmen in die Wege geleitet wurden. Zuerst tauchte COVID-19 in Nordkorea wohl in den beiden Grenzstädten Sinŭiju und Rasŏn auf, wovon es sich rasch ins Landesinnere verbreitet haben soll.

Durch das indirekte Zugeständnis von Kim Jong-un eröffnet sich für die internationale Gemeinschaft gerade ein Handlungsfenster. Dabei muss einem aber bewusst bleiben, dass Entwicklungsarbeit nur in Zusammenarbeit nur mit der Regierung möglich ist und so zwangsläufig das Regime stabilisiert. Denn Fakt ist: Niemand kommt an der Regierungspartei vorbei. Konkret bedeutet dies, dass Entwicklungshelfer*innen immer im engen Kontakt eines Parteifunktionärs oder einer staatlichen Behörde stehen und auf dessen Wohlwollen angewiesen sind. Dabei müssen diese auch damit rechnen, dass sie selbst nicht mitbestimmen dürfen, wer Hilfe erhält. So werden Entwicklungshelfer*innen im Land auf Schritt und Tritt beobachtet und so weit wie möglich von der Zivilbevölkerung ferngehalten.

Generell bieten sich politischen Akteur*innen vor allem die UN und deren Sonderorganisationen an, um Nordkorea zu unterstützen, da UN-Organisationen bereits in der Vergangenheit Entwicklungsarbeit vor Ort durchgeführt haben. Nordkorea hat im Juni dieses Jahres zudem einen Bericht über Probleme in der medizinischen Versorgung bei den Vereinten Nationen eingereicht. Daher wäre hier ein Ansatz, um der Bevölkerung zu helfen, denn das Regime hat sich bisher in medizinischen Projekten oft kooperativ gezeigt. So ist es durch eine Impfkampagne, die auch von der WHO unterstützt wurde, dem Land im letzten Jahrzehnt gelungen, die Masern auf dem Staatsgebiet auszurotten. Außerdem haben die WHO und UNICEF das Land 2018 bei Polioimpfungen unterstützt. Aufgrund dieser Vorerfahrungen würde es sich anbieten, über die UN Nordkorea bei Corona-Impfungen zu unterstützen.

Zwar hatte die Impfstoffplattform COVAX (Covid-19 Vaccines Global Access), welche bestrebt ist, weltweit einen fairen Zugang zu COVID-19-Impfstoffen zu bieten, Nordkorea bereits zugesagt, über zwei Millionen AstraZeneca-Impfdosen bereitzustellen. Jedoch hat das Regime dieses Angebot im Juli abgelehnt, da man dem Impfstoff nicht vertraut. Die Regierung möchte stattdessen andere Impfstoffe angeboten bekommen. Die grundlegende Frage, die sich hier stellt, ist, ob das Nehmerland einen Anspruch darauf hat, selbst zu bestimmen, welche Impfstoffe es bekommt. Trotz dieses Rückschlags sollte die internationale Gemeinschaft weiterhin versuchen, über COVAX Impfstoffe für Nordkorea zu vermitteln, da es diese meiner Einschätzung nach dringend benötigt.

Allerdings benötigt Nordkorea nicht nur bei Impfkampagnen gegen COVID-19 Unterstützung. Inzwischen wird aus ländlichen Regionen durchaus von schweren Engpässen in der medizinischen Versorgung berichtet, sodass auch die Lieferung von Medikamenten essentiell erscheint. Hinzu kommt, dass die Lage im Land seit Juni 2021 äußerst unübersichtlich geworden ist. Es mangelt an personellen Kapazitäten im Gesundheitssektor, pharmazeutische und medizintechnische Anlagen sind schlecht ausgestattet und müssten daher gewartet werden. Außerdem fehlen überlebenswichtige Medikamente bzw. können diese nicht produziert werden. Auch die Lebensmittelversorgung ist durch coronabedingte Engpässe in Lieferketten teilweise zusammengebrochen. Zwar leisten einige Länder, wie etwa Südkorea, Russland, die Schweiz, Schweden, Kanada, Norwegen, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Finnland und Irland bereits Nahrungsmittelhilfen. Dennoch müssen Hilfeleistungen, sei es bei der Lebensmittelversorgung, der medizinischen Infrastruktur oder bei Impfkampagnen, schnellstmöglich intensiviert werden.

Zum Autor:

Timo Schmitz studiert Philosophie und Politikwissenschaften im Masterstudiengang an der Universität Trier (Deutschland). Sein politischer Forschungsschwerpunkt ist Nordkorea.

Copyright Bild: Wikimedia Commons

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